Ganzheitliche Heilung beginnt im Nervensystem – so balancierst du Sympathikus und Parasympathikus
Das Nervensystem, genauer gesagt das autonome Nervensystem, stellt einen wichtigen Zugangspunkt zur ganzheitlichen Heilung von Körper und Geist dar. Jahrtausende alte Methoden wie Meditation, Atemtechniken und sogenanntes Chanting können die Aktivität des autonomen Nervensystems auf direkte oder indirekte Weise beeinflussen und dadurch eine tiefe Wirkung auf sämtlichen Ebenen unseres Daseins entfalten. Die Effekte reichen von kurzfristigen Stimmungsverbesserungen zu langfristigen und tiefgreifenden Veränderungen in unserer Physiologie. Moderne Studien konnten dauerhafte Veränderungen im Hormonhaushalt, der Hirnstruktur und sogar der Aktivierung/Deaktivierung bestimmter Gene nachweisen. Eine regelmäßige Regulation des Nervensystems spiegelt sich jedoch nicht nur auf der körperlichen Ebene wider – sie wirkt sich darauf aus, wie wir auf Stresssituationen, emotionale Trigger, und andere Lebenssituationen reagieren. In diesem Beitrag schauen wir uns an, welche Rolle das autonome Nervensystem im Körper spielt und mit welchen einfachen Mitteln wir es regulieren können.
Aufbau des Nervensystems
Das Nervensystem des Körpers besteht aus zwei großen Bereichen: Das zentrale Nervensystem und das Periphere Nervensystem. Das zentrale Nervensystem besteht im Grunde genommen aus dem Gehirn und der Wirbelsäule, und bildet die zentrale Steuereinheit. Das periphere Nervensystem hingegen besteht aus sämtlichen anderen Nervensträngen, welche den Körper wie ein Netz durchziehen und die Kommunikation zwischen dem zentralen Nervensystem und dem restlichen Körper ermöglichen. Das periphere Nervensystem wiederum wird in das somatische Nervensystem und das autonome Nervensystem unterteilt. An dieser Stelle ist es vor allem wichtig zu wissen, dass das somatische Nervensystem für alle bewussten Bewegungen und Sinneswahrnehmungen zuständig ist, während das autonome Nervensystem außerhalb unserer bewussten Kontrolle agiert.
Das autonome Nervensystem steuert unbewusste Funktionen wie Herzschlag, Hormonausschüttung und Verdauung, und besteht aus drei Teilbereichen: Dem sympathischen Nervensystem, dem parasympathischen Nervensystem und dem enterischen Nervensystem. Während das enterische Nervensystem unsere Verdauung steuert, regulieren das sympathische und das parasympathische Nervensystem im Tandem unseren Gemüts- und Aktivitätszustand. Die Stimulation des Sympathikus (sympathisches Nervensystem) sorgt für mehr Aktivität, setzt Stresshormone frei und macht Energie in Armen und Beinen verfügbar. Der Parasympathikus (parasympathisches Nervensystem) hingegen fördert Ruhe und Entspannung und regt Zellregeneration und andere Heilprozesse an.

Wiederherstellung des Gleichgewichts
Durch konstante Reizüberflutung leiden weltweit viele Menschen unter einer Überaktivität des sympathischen Nervensystems. Dieses wird durch Stress aktiviert und hält den Körper wiederum in einem Spannungszustand. Während eine gewisse Menge an Stress gesund und notwendig ist, fehlt vielen Menschen ein Weg zurück in die genauso notwendige Entspannung und Regeneration. Chronischer Stress wirkt sich auf viele physiologische Prozesse negativ aus, was oftmals zum Stress beiträgt und dadurch eine Abwärtsspirale verursacht. Direkt davon betroffen sind der Hormonhaushalt, die Verdauung, der Schlafzyklus und der Blutzuckerspiegel, um nur einige Bereiche zu nennen. Gleichzeitig sorgt konstante Spannung dafür, dass viele Menschen nicht wirklich in ihrem Körper „zuhause“ sind. Die meiste Zeit bekommt unser Verstand recht wenig von dem mit, was sich unseren Körpern zuträgt. Dies hat teilweise mit der hohen Präsenz von Stresshormonen wie Cortisol zu tun, teilweise aber auch damit, dass viele von uns gelernt haben, von unseren Schmerzen „wegzuschauen“.

Ein notwendiger Schritt, um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, ist es das autonome Nervensystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Eine bewusste Anregung des Parasympathikus, wirkt der Stressspirale entgegen und normalisiert dadurch die damit verknüpften physiologischen Prozesse. Ganzheitliche Heilung geschieht jedoch nicht über Nacht, sondern ist ein Prozess, der Zeit, Geduld und Wiederholung braucht.
Anregung des Parasympathikus
Die Frage ist nun, wie der Parasympathikus gezielt angeregt werden kann, und darauf gibt es gleich mehrere Antworten. Eine Vielzahl integrativer Traditionen nutzen Techniken wie das Singen von Mantras, das Durchführen von Yoga-Haltungen, bestimmte Atemtechniken und Meditationen um (unter anderem) dieses Ziel zu erreichen. Die körperliche und geistige Gesundheit der Praktizierenden ist dabei oft kein reiner Selbstzweck, sondern wird als eine notwendige Bedingung für das Erlangen tieferer Einsichten und die Bildung von Weisheit gesehen.
Aber was genau passiert im Nervensystem bei der Anwendung dieser Techniken? Schauen wir uns zunächst das Chanten von Mantras an. Singt man, dann stimuliert die Vibration der Stimmbänder den Vagusnerv, welcher durch Hals und Brust das Gehirn mit den inneren Organen verbindet und den größten Teil des parasympathischen Nervensystems ausmacht. Der Effekt wird umso kräftiger, wenn man mit tiefer Stimmlage und möglichst viele lange Vokale singt. Horcht man aktiv in den eigenen Körper hinein, so kann man bewusst die Vibration der eigenen Stimme spüren, was wiederum die Wirkung auf das Nervensystem vertieft und den Heilprozess zusätzlich verstärkt. Gleichzeitig stimuliert die Vibration Hormondrüsen und sogenannte Plexus, Bereiche mit besonders hohen Dichten an Nervenenden. Diese zusätzliche Anregung wirkt sich wiederum positiv auf das parasympathische Nervensystem aus.

Mit anderen Techniken verhält es sich recht ähnlich. Atmet man rhythmisch und tief ein und aus, und legt dabei die Aufmerksamkeit auf bestimmte Körperbereiche, sorgt dies unter anderem für eine Balancierung des Autonomen Nervensystems und der umliegenden Hormondrüsen. Diese Stellen sind in verschiedenen Traditionen als natürliche Energiepunkte (chinesische Medizin) oder auch als Chakren (Yoga und Ayurveda) bekannt. Yoga z.B. kombiniert das Halten bestimmter Posen mit einer bewussten Atmung um bestimmte Körperareale gezielt anzusteuern und so psychosomatischen Stress abzubauen. Chakren-Meditationen können genutzt werden um bestimmte Hormondrüsen und damit verknüpfte körperliche Funktionen anzuregen.
Sportliche Aktivitäten können ebenfalls das autonome Nervensystem ausbalancieren, allerdings kommt es darauf an wie wir Sport machen. Sind wir abgelenkt und überschreiten unsere körperlichen Grenzen? Oder finden wir in unserer körperlichen Ertüchtigung „die goldene Mitte“ und sind wirklich bei der Sache? Auch hier spielen Faktoren wie die Atmung und Achtsamkeit rein. Profisportler berichten oft von einem Zustand der „absoluten Konzentration“, welcher auch als „Flow-Zustand“ oder im Englischen als die „Zone“ bekannt ist. Seit geraumer Zeit vermuten Wissenschaftler dahinter die optimale Aktivierung von Sympathikus und Parasympathikus, welche es den Sportlern erlaubt bei maximaler Leistung zu performen. All diese Methoden haben diese Punkte gemein: Sie setzen Präsenz voraus, und fördern unsere Kapazität dafür; gleichzeitig spielt die Atmung eine wichtige Rolle. Durch das achtsame Durchführen sämtlicher erdenklicher Methoden, wird die Verbindung zwischen Körper und Geist immerzu gestärkt.
Noch ein paar Tipps
Es gibt viele altbewährte und auch immerzu neue Techniken, die uns dabei helfen können, unser Nervensystem zu regulieren und den langwierigen Prozess der ganzheitlichen Heilung anzutreten. Ein entscheidendes Element, welches all diese Methoden teilen, ist Achtsamkeit. Auch wenn dies geradezu magisch erscheint, ist es nicht die Art von Magie, die von heute auf morgen wirkt. Das Wissen um diese Techniken lässt akute Gesundheitsprobleme nicht einfach verschwinden und befreit uns nicht von der Notwendigkeit, in medizinischen Notfällen die Hilfe von Experten aufzusuchen. Dennoch sind diese Techniken mächtige Werkzeuge, um zu beginnen, eine selbstbestimmtere Beziehung zur eigenen Gesundheit aufzubauen. Was hierbei wichtig ist, sind Geduld und die Einsicht, dass die ganzheitliche Heilung von Körper und Geist eine lebenslange Aufgabe sind. Doch das soll uns nicht davon abhalten erste Schritte zu unternehmen, denn bekanntlich fängt jede lange Reise mit einem kleinen Schritt an.
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